1890 kauften Fabrikbesitzer den Elektromotor. Sie stellten ihn genau dorthin, wo vorher die Dampfmaschine stand. Und die Produktivität stieg: um null Prozent.
Vierzig Jahre lang.
Der Wirtschaftshistoriker Paul David hat das 1990 untersucht. Der Elektromotor war ab den 1880ern verfügbar, die messbaren Produktivitätsgewinne kamen erst in den 1920ern. Nicht, weil die Motoren schlecht waren. Sondern weil niemand die Fabrik neu dachte.
Die alten Fabriken waren um eine zentrale Transmissionswelle gebaut. Maschinen standen dort, wo die Lederriemen hinreichten — nicht dort, wo die Arbeit am besten floss. Als der Elektromotor kam, tauschten alle den Antrieb. Die Welle blieb.
Erst als eine neue Generation fragte „Was wird möglich, wenn jede Maschine ihren eigenen Motor hat?“, fiel die Welle weg. Die Maschinen konnten dem Arbeitsfluss folgen. Fabriken wurden flach statt hoch. Und plötzlich war etwas denkbar, das vorher physisch unmöglich war: das Fließband.
Fords Fließband von 1913 war keine Motorinnovation. Es war eine Organisationsinnovation.
➡️ Die Technologie war ab Tag eins da
➡️ Was vierzig Jahre fehlte, war Vorstellungskraft
➡️ Der Hebel lag nie in der Maschine, sondern in dem, was Menschen mit ihr zu denken wagten
Ich sehe diese Fabrik von 1890 heute ständig. In Konzernzentralen, in Verwaltungen, im Mittelstand.
Eine Organisation führt einen KI-Chatbot ein und ist stolz, dass die Mitarbeiter schneller E-Mails schreiben. Das ist der Elektromotor an der Transmissionswelle. Man hat eine Tätigkeit aus der alten Welt beschleunigt und nennt das Transformation.
Die Frage, die weiterführt, klingt fast gleich und ist eine völlig andere:
Nicht: Wo kann KI unsere Prozesse schneller machen? Sondern: Welche unserer Prozesse existieren überhaupt nur, weil Intelligenz bisher knapp war?
Ein vierstufiger Genehmigungsworkflow ist eine Antwort auf knappe Prüfkapazität. Ein Jahresbericht statt laufender Analyse ist eine Antwort auf knappe Auswertungskapazität. Ein Standard-Newsletter für zehntausend verschiedene Menschen ist eine Antwort auf knappe Schreibkapazität.
Fällt die Knappheit weg, fällt die Begründung weg.
Und diesmal haben wir keine vierzig Jahre. Der Elektromotor von 1895 war ungefähr so gut wie der von 1890. Generative KI verdoppelt ihre Fähigkeiten in Zeiträumen, in denen klassische IT-Projekte nicht mal ihr Kickoff hinter sich bringen.
Ein konkreter Auftrag für diese Woche, er kostet weniger als eine Stunde:
Nehmen Sie einen Prozess, den Sie gut kennen. Fragen Sie: Welche Annahme über Knappheit steckt darin? Und wie sähe er aus, wenn Sie ihn heute zum ersten Mal entwerfen würden?
Erlauben Sie sich dabei Antworten, die nach Übertreibung klingen. Das Fließband klang 1890 auch nach Übertreibung. 🚀
Welche Transmissionswelle steht in Ihrer Organisation noch im Keller — und wer traut sich, sie anzusprechen?
Die ausführliche Fassung dieser Ausgabe erscheint in meiner Serie „Unlimitierte Intelligenz“: mit der vollständigen historischen Herleitung, den drei Sätzen, an denen Sie Dampfmaschinendenken im Alltag erkennen, und warum „wir haben das getestet, es war nicht gut genug“ der teuerste Satz der Transformation ist.


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