Denken Sie an die letzte wichtige Entscheidung in Ihrer Organisation. Eine Strategie, eine Investition, eine Umstrukturierung.
Wie viele kluge Köpfe haben tatsächlich mitgedacht? Zwei? Fünf? Vielleicht zehn, wenn es ein großer Wurf war.
Und jetzt die unbequeme Anschlussfrage: Waren das die zehn klügsten Köpfe, die es zu diesem Thema gibt?
Natürlich nicht. Es waren die zehn, die verfügbar waren. Die im richtigen Gebäude saßen, im richtigen Kalender Platz hatten, im richtigen Budget untergebracht waren.
Das ist keine Kritik an Ihrer Organisation. Das ist die Bedingung, unter der Menschen immer gearbeitet haben: Intelligenz war knapp.
Woran man eine Knappheit erkennt
Man erkennt eine Knappheit daran, was Menschen erfunden haben, um mit ihr fertigzuwerden:
- Die Hierarchie: Wenige denken, viele führen aus — weil Denkleistung nicht überall verfügbar war
- Das Expertentum: Weil niemand alles wissen kann, wird der Zugang zum Spezialisten zum Engpass
- Das Meeting: Wir synchronisieren knappe Köpfe auf ein Zeitfenster, weil ihr gleichzeitiges Denken anders nicht zu haben ist
- Der Bericht: Weil die Entscheiderin nicht alles lesen kann, verdichten andere für sie — und bei jeder Verdichtung geht etwas verloren
Sogar unsere Vorstellung von guter Arbeit ist ein Kind der Knappheit. Wir loben Menschen dafür, dass sie mit wenig Information gut entscheiden. Das sind echte Tugenden — aber Tugenden des Mangels, so wie Sparsamkeit eine Tugend der Armut ist.
Sie beantworten die Frage: Wie hole ich das Beste aus zu wenig Denkkapazität?
Niemand hat uns je beigebracht, die andere Frage zu stellen. Sie war nie relevant: Was tue ich, wenn Denkkapazität kein Engpass mehr ist?
Wir verhandeln mit einer unbegrenzten Ressource
Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte ist genau das der Fall. Und weil es das nie gab, haben wir keinerlei Übung darin.
Das sieht man an einem Verhalten, das mir täglich begegnet: Jemand bittet die KI um fünf Ideen. Zwei sind brauchbar. Vorgang abgeschlossen.
Da hat ein Mensch mit einer unbegrenzten Ressource verhandelt, als säße ihm ein beschäftigter Kollege gegenüber.
Dabei dürfte man sagen: Diese fünf reichen mir nicht, gib mir fünfzig. Das klingt nach schlechtem Benehmen und ist einfach die angemessene Arbeitsweise mit einer unbegrenzten Ressource.
Ein Selbstversuch für diese Woche
Nehmen Sie eine echte Aufgabe. Stellen Sie Ihre Anfrage wie immer. Und dann verzehnfachen Sie — wörtlich.
Beobachten Sie dabei zwei Dinge. Was bei Vorschlag 37 auftaucht, das bei Vorschlag 5 nie aufgetaucht wäre. Und Ihr eigenes leises Unbehagen beim Verzehnfachen.
Das ist Ihr Knappheitsdenken. Sie begegnen ihm gerade zum ersten Mal von außen.
Wo in Ihrer Arbeit geben Sie sich mit dem zufrieden, was nach fünf Runden auf dem Tisch liegt?
Die ausführliche Fassung dieser Ausgabe erscheint in meiner Serie „Unlimitierte Intelligenz“: mit dem, was der eigentliche technische Durchbruch war und ständig unterschätzt wird, warum Knappheit nicht nur unsere Prozesse geformt hat, sondern unsere Ambitionen — und weshalb auch unsere Fragen an die KI zu klein sind.


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