Zwei Organisationen führen im selben Monat dieselbe KI-Plattform ein. Gleiches Modell, gleicher Anbieter, gleicher Preis.
Ein halbes Jahr später erzählt die Geschäftsführerin von A auf einer Konferenz, die KI habe die Angebotserstellung verwandelt. Die Antworten säßen, die Mannschaft wolle nicht mehr zurück.
Der IT-Leiter von B sitzt im Publikum und versteht die Welt nicht mehr. Bei ihm liefert dasselbe Werkzeug brave Allerweltstexte, die nach Wikipedia mit Krawatte klingen.
Sein Fazit, das ich oft gehört habe: „Das Modell taugt nichts, wir warten auf das nächste.“
Das Modell ist unschuldig.
Der Unterschied steht in keiner Produktbroschüre und wird bei der Kaufentscheidung fast nie besprochen: Kontext.
A hat ihrer KI beigebracht, wer sie ist. B hat eine fremde Intelligenz angestellt und ihr am ersten Arbeitstag nicht mal gesagt, wo die Kaffeeküche ist.
Ein hochbegabter Kollege am ersten Arbeitstag
Die brauchbarste Denkfigur: Stellen Sie sich die KI als neuen Kollegen vor. Hochbegabt, belesen wie niemand sonst im Haus. Aber erster Arbeitstag.
Er kennt Ihre Produkte nicht, Ihre Kunden nicht, Ihre Preislogik nicht, Ihre ungeschriebenen Regeln schon gar nicht.
Kein Mensch würde von so jemandem am ersten Tag Spitzenleistung erwarten. Bei der KI tun wir genau das – und erklären das Werkzeug für untauglich, wenn sie ausbleibt.
Der Denkfehler hat einen doppelten Boden: Die KI wirkt eingearbeitet, weil sie flüssig formuliert. Aber Eloquenz ist kein Kontext. Sie beherrscht die Sprache der Welt, nicht die Ihrer Organisation.
Die vier Schichten des Organisationskontexts
Woraus Organisationskontext besteht, nach Aufwand geordnet:
- Grundtatsachen. Wer sind wir, was bieten wir, für wen. Klingt banal – und fehlt am häufigsten.
- Arbeitsbestände. Vorlagen, Prozesse, Preislisten, die Angebote der letzten Jahre.
- Beispiele mit Urteil. Nicht nur Material, sondern Bewertung: Das Angebot, das gewonnen hat, markiert als gewonnen. Der Text, den der Vorstand zurückwies, samt Grund.
- Tonalität. Wie Ihre Organisation klingt und was sie nie sagen würde.
Der Trick: Fragen Sie die KI
Und jetzt der Trick, der fast verdächtig einfach klingt: Sie müssen die Lücken in Ihrem Kontext nicht selbst finden.
Fragen Sie die KI.
Geben Sie ihr, was Sie haben, und stellen Sie nicht die übliche Frage „erledige Aufgabe X“, sondern: Welche Informationen fehlen dir, um das richtig gut zu machen? Wo widersprechen sich meine Unterlagen? Was müsstest du wissen, das nirgends steht?
Die Antworten sind verblüffend präzise. Denn die KI hat, anders als jeder Mensch im Haus, gerade wirklich alles gelesen und sieht die Löcher im Gesamtbild.
Daraus wird Ihr Arbeitsplan. Der Kontextaufbau ist dann kein Mammutprojekt mehr, sondern eine Schleife: geben, fragen, füllen.
Ich habe Fälle erlebt, in denen der wertvollste Ertrag des KI-Projekts gar nicht die KI war – sondern dass zum ersten Mal seit Jahren jemand die Prozesse aufgeschrieben hat. Weil endlich jemand zuhörte, der nie die Geduld verliert.
Was weiß Ihre KI eigentlich über Ihre Organisation – und wer hat es ihr beigebracht?
Die ausführliche Fassung dieser Ausgabe erscheint in meiner Serie „Unlimitierte Intelligenz“: mit allen vier Kontextschichten im Detail, der kompletten Schleifen-Methode – und der Antwort auf den häufigsten Einwand: „Dafür haben wir keine Ressourcen.“
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