Es gibt einen Satz, den ich nach Keynotes häufiger höre als jeden anderen. Er kommt in der Kaffeepause, meist etwas leiser gesprochen:
„Für mich ist der Zug wahrscheinlich schon abgefahren.“
Gesagt von einer Abteilungsleiterin Mitte fünfzig. Von einem Geschäftsführer, der seit dreißig Jahren erfolgreich ein Unternehmen führt. Von einer jungen Kollegin, die glaubt, alle anderen im Team seien längst weiter.
Der Zug ist nicht abgefahren. Er steht noch am Bahnsteig. Es sitzen schon Leute drin — aber die meisten studieren gerade verwirrt den Fahrplan, und einige sind in den falschen Waggon gestiegen.
Niemand hat es gelöst
Dafür gibt es einen handfesten Grund: Es gibt keine Organisation, die das Thema KI komplett gelöst hat. Keine einzige. Die glänzenden Konferenzvorträge zeigen die drei Use Cases, die funktioniert haben — nicht die siebzehn, die vorher gescheitert sind.
Bei früheren Technologien gab es einen echten, uneinholbaren Erfahrungsvorsprung. Wer 1995 zehn Jahre Softwareentwicklung im Rücken hatte, war schwer einzuholen.
Generative KI ist anders. Sie verändert sich so schnell, dass ein großer Teil des Detailwissens von vor zwei Jahren heute wertlos ist:
- Die ausgefeilten Prompt-Tricks von damals? Größtenteils überflüssig, weil die Modelle besser wurden
- Die Grenzen, die jemand 2023 mühsam kartiert hat? Verschoben
- Was Frühstarter wirklich besitzen, ist die Gewohnheit des Experimentierens — und die eignet man sich schneller an, als man glaubt
Die Sechs-Stunden-These
Meine These, die regelmäßig für hochgezogene Augenbrauen sorgt: Sechs Stunden intensive Beschäftigung genügen, um generative KI verstanden zu haben. Kein Drei-Monats-Kurs, kein zweiwöchiges E-Learning.
Verstanden heißt nicht, dass Sie neuronale Netze erklären können. Sie müssen auch keinen Verbrennungsmotor konstruieren können, um exzellent Auto zu fahren.
Verstanden heißt: Sie wissen, was die Technologie kann, wo ihre Grenzen liegen — und Sie denken im Alltag von selbst „Moment, das wäre doch etwas für die KI.“
Genau deshalb versagen Kurse dort, wo sechs eigene Stunden funktionieren. Bei dieser Technologie kommt man vom Use zum Case: Die Idee entsteht durch die Nutzung, nicht davor.
Eine Kollegin hat einfach experimentiert und kam von selbst darauf, ihre Fotos nicht mehr händisch zu kategorisieren. Niemand hätte ihr diesen Use Case in einer Schulung beibringen können — weil niemand außer ihr wusste, dass es diese lästige Aufgabe überhaupt gibt.
Ein Hinweis noch: Nehmen Sie für die ersten Versuche keine sensiblen Daten in Gratisversionen. Gratis heißt meist, dass Ihre Eingaben zu Trainingszwecken gespeichert werden können.
Sechs Stunden. Sie haben diese Woche vermutlich länger in Meetings gesessen, deren Ergebnis Sie nicht mehr erinnern.
Was hält Sie eigentlich davon ab, diese sechs Stunden in den Kalender zu schreiben?
Die ausführliche Fassung dieser Ausgabe erscheint in meiner Serie „Unlimitierte Intelligenz“: mit dem kompletten Sechs-Stunden-Plan, Stunde für Stunde — inklusive der Stunde, in der die KI Ihnen das Prompten selbst beibringt, und der Stunde, in der Sie sie gezielt scheitern lassen.
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